ein
Leserbrief an die Reiter und Pferde in Westfalen, der damals auch abgedruckt
wurde.
unter Buschreiter.de wurde diese Schreiben ebenfalls
veröffentlicht als Antwort auf eine von Andreas Dibowski angestossene Diskussion
zum Thema "Wie soll sich
dieser Sport entwickeln?"
„Zeichen der Zeit nicht erkannt?“
Interview mit
Hilarius Simons, RuP11/2002
Mit
grossem Interesse habe ich das Interview mit Herrn Simons gelesen und die
Gründung des Vereines „Freundeskreis
Vielseitigkeit“ mit Freude zur Kenntnis genommen. Hier geht es um den Erhalt
des Stellenwertes der Vielseitigkeitsreiterei, und daran sollte uns doch allen
sehr gelegen sein. Denn ist es nicht
traurig dass man die
die damals 3jährige Corona in ihrem ersten Wasser -
wir
alle hatten vielFreude an diesem Tag!
erfolgreiche Nachwuchsförderung im Spring- und Dressursport, um die uns alle
Welt beneidet, und deren Nachhaltigkeit eindrucksvoll seit Jahren auf Championaten unterstrichen wird, nicht auch auf den Vielseitigkeitssport
umsetzen kann?
Nur am mangelnden Einsatz von Vollblütern in der deutschen Pferdezucht kann es eigentlich nicht liegen, gerade in Basisprüfungen wäre manch ein ordinärer Warmblüter dankbar (und brauchbar!), seine Qualitäten unter Beweis stellen zu dürfen. Meine eigenen Erfahrungen im Umgang mit diesem Sport sprechen viel mehr dafür, dass sich zunächst am Konzept etwas ändern muss:
In der Regel
vom Spring- oder Dressursport kommend, ist es für den Einsteiger so gut wie
unmöglich, an regelmässigen Trainingseinheiten teilzunehmen, selbst wenn
entsprechendes Gelände in erreichbarer Umgebung verfügbar ist. Die Hemmschwelle
zum Turniersport ist ungleich grösser als beim Spring- oder Dressurreiten: Zu
einer A-Vielseitigkeit gehört doch erheblich viel mehr Erfahrung (und nicht
zuletzt Schneid....) als zu einem A-Spingen oder einer A-Dressur, die Einteilung
in LK3 und 6 begünstigt fast ausschliesslich die Kids, als Erwachsener hat man
so gut wie keine Chance, auf LK6-Niveau einzusteigen, weil spätestens bei den
Teilprüfungen Springen/Dressur dann Reiter der LK5 ausgeschlossen sind.
Stilgeländeritte, die eigentlich der ideale Einstieg wären, sind an einer Hand
abzuzählen und selbst diese sind, wenn sie denn in ein grösseres Turnier
eingebunden sind, oft derart anspruchsvoll in Länge und Hindernisbau, dass man
hier von "A" wie Anfängerniveau nicht reden kann.
Das grösste Problem aber dürfte in der
Mentalität unserer Reiternation Deutschland an sich begründet liegen: Nachdem
wir in den letzten 50-100 Jahren die klassische Reiterei geradezu neu erfunden
und nebenher die wohl erfolgreichste Pferdezucht der Welt etabliert haben,
scheint darüber in Vergessenheit zu geraten, dass gerade die
Vielseitigkeitsreiterei doch wohl die dem Naturell des Pferdes nahestehendste
der drei olympischen Reitsportdisziplinen ist. Und doch ist es in Deutschland
Usus, junge Pferde möglichst auf abgeschlossenen Zirkeln und in ausbruchsicheren
Reithallen zu schulen — entsprechend wird die Reiterei dem Einsteiger
vermittelt. Das ist gewiss in Massen sinnvoll, doch ist es nicht traurig, dass
der durchschnittliche deutsche Turnierreiter durchaus bis zur Klasse S
erfolgreich sein kann, ohne überhaupt mal einen Wasserdurchritt gesehen zu
haben, vom Erklettern eines natürlichen Walles einmal ganz abgesehen? Ist es
nicht traurig, dass man unseren Reiternachwuchs zwar lehrt, wieviele Knochen ein
Pferd hat, aber einen natürlichen Galopp im Gelände bei steter Anlehnung im
gesamten Ausbildungs-und Schulungsprogramm nicht vorsieht?
Muss man
sich wirklich wundern, wenn die Reaktionen der Reiterkollegen im eigenen Verein
von "Bist du verrückt? Willst du dir die Knochen brechen?" bis "Mensch, dafür
ist dein Pferd doch viel zu schade!" reichen, wenn man nur das
früh übt sich...
Üben-wollen von
Geländesprüngen erwähnt? Uns Deutschen ist das Selbstverständnis der
Geländereiterei einfach abhanden gekommen, hier werden junge Pferde nicht ihrem
Naturell entsprechend im Pulk mit älteren in freier Natur an den Reiter gewöhnt,
genausowenig wird die Reiterei als solche mit diesem Selbstverständnis
vermittelt. Wieso kann nicht bereits beim Reiterpass und Reiterabzeichen das
Durchreiten von Wasserhindernissen gefordert werden, das Erklettern eines
kleinen Walles,
das kontrollierte Galoppieren im leichten Sitz auf dem
benachbarten Stoppelfeld - in begrenztem Umfang sollte es doch beinahe jedem
Verein möglich sein, so etwas zur Verfügung zu stellen — erfordert das Anlegen
eines guten Platzes nicht sehr viel mehr Aufwand? Hätte man
so nicht viel eher die Möglichkeit, bereits frühzeitig allen möglichen
Vorurteilen zu begegnen und diese gegebenenfalls in echtes Interesse für diesen
Sport zu wandeln? Wie sonst will man diesem Sport in der breiten Öffentlichkeit
seine Vorurteile nehmen, wenn schon die Mehrheit der eingeschworenen Reiter
mangels Berührungspunkten dem kein Verständnis entgegenbringt? Es ist schon
sonderbar, wir sind die grösste Reiternation der Welt und doch ziehen wir es in
der Mehrheit vor, den Anforderung einer Cross-Strecke mit einem 100-PS-starken
Allradvehikel zu begegnen — dabei wäre eine einzelne Pferdestärke völlig
ausreichend und viel natürlicher. Solange Geländereiterei in Deutschland nicht
die Regel, sondern die Ausnahme ist, werden wir auch in 20 Jahren noch hier
sitzen und unsere Defizite beklagen.
kleiner Reiter - grosses Pferd - es geht!
es übt sich eben früh...
Vielseitiges Reiten - eine ganz persönliche
Stellungnahme auf die Frage:
"Wie baut ihr eure jungen Buschpferde auf? Reitet ihr die 4-jährig in Spring- und Dressurprüfungen oder spezialisiert ihr die gleich von Anfang an?"
Ich fange bei jedem
Pferd das ich jung unter den
Sattel bekomme so früh wie möglich mit festen
Hindernissen und entsprechend "Buschtraining"
(Rennbahn,
Geländesprünge) an - "Buschtraining"
ist keine
Frage des
Alters sondern eine
Frage der
(klassischen!) Ausbildung und des
Gerittenseins. Und weil "Buschtraining"
heutzutage die dem
Naturell des
Pferdes nahestehenste
Disziplin überhaupt ist (nach vorn ausgerichtet und in
sicherer steter
Anlehnung geritten) tut man sich und vor allem dem
Pferd gerade im
Hinblick auf alle anderen
weitergehend spezialisierten
Reitweisen (Springen und
gerade auch
Dressur, wo heutzutage meist
nur noch auf der
Bremse gestanden wird) den allergrössten
Gefallen:
man festigt sie mental und physisch in geradezu ideeller
Weise und profitiert davon nicht zuletzt im
Viereck.
Auch gerade angerittene 3jrg nehmen sog.
"Buschtraining" (was genau ist das überhaupt?)
geradezu dankbar und mit grösstem
Lernerfolg an.
Kein
Wwunder, hat man früher, als es noch keine
abgeschlossenen
Longierzirkel und
Reithallen gab, doch gar
keine andere
Möglichkeit gehabt als seine
Pferde draussen in freier
Natur zu schulen und zu formen und die britischen
Kollegen von der Insel
praktizierten das
Anreiten junger
Pferde anders als wir
Kontinentaleuropäer im
Pulk zur
Jagd auf geradezu beispielhafter (weil artgerechter)
Weise:
im
Pulk nach vorn und alles natürlich angeritten.
"Buschtraining" ist die klassischste aller
Ausbildungsformen überhaupt und gehört m.e. bei der
Ausbildung eines jeden jungen
Pferdes ganz nach vorn gestellt.
Alles andere ist nur ein modernes aber wenig
artgerechtes
Derivat und meist nicht im
Sinne des
Pferdes geritten und geschult.
Im
Hinblick auf
Springtraining habe ich die
Erfahrung gemacht dass junge unerfahrene
Pferde gerade an festen
Hindernissen (wenn sie sinnvoll gebaut sind mit
deutlicher
Textur,
Dimension, plastischer
Ausformung und enstprechender
Taxierfähigkeit) weit
weniger
Probleme haben als an künstlichen filigranen, dem
Pferdeauge nicht angemessenen und
nur schwer einschätzbaren (weil der
Natur des
Pferdes nicht entsprechenden)
Stangenhindernissen.
Es gibt dagegen kaum ein
geeigneteres
Hindernis vor das man ein junges
Pferd nicht genauso gut (eigentlich noch viel besser)
selbst im
Trabe heranreiten kann als ein gut konstruiertes
festes
Hinderniss -
Strohballen mit
Baumstamm davor als sichere
Markierung der
Bodenlinien und einer natürlichen Tiefe, die
vom Pferd auch als solche wahrgenommen wird - weil ein
Pferd mit seiner sensiblen
Sehfähigkeit und mangelnder
Dimensionalität soetwas optisch so viel einfacher
begreift und sich entsprechend verhält:
es sieht, BEGREIFT und macht einen SPRUNG -
Kaltfüsse gibt es nicht weil die
Pferde begreifen dass dies ein richtiges
Hindernis ist dem sie entsprechend zu begegnen haben.
Ich habe gerade wieder ein junges
Pferd unterm
Sattel, seit
acht Wochen in der täglichen
Aarbeit, wird
erst vier.
Ich habe das grosse
Glück in der
Nähe der
Westfälischen
Reit und Fahrschule zu
wohnen und hatte daher die
Chance mit dieser
Remonte bereits zweimal an
Hallengeländetranings diesen
Winter teilzunehmen.
Was diese beiden
Tage an
Erfahrung,
Reife und
Begreifen bei diesem jungen
Pferd bewirkt haben lässt sich kaum beschreiben.
Ein sicheres
Pferd das auf natürlichste
Weise begriffen hat worauf es eigentlich ankommt wenn
man es gegen ein
Hindernis reitet.
erst DANACH habe ich es erstmals in einem kleinen
Stangenparcours geritten und siehe da:
das funktioniert von allein.
Stangen werden als SPRUNG wahrgenommen und
entsprechend taxiert und behandelt.
Das
Pferd hat seinen
Job begriffen ohne dass ich viel dazutun musste.
"Schwimmen" aus
Unsicherheit und mangels
Erfahrung im anreiten ist natürlich - wichtig ist das
vertrauensvolle hinziehen zum
Sprung im sicheren
Wissen:
dies ist ein
Sprung und ich weiss was ich zu tun hab!
Und das vermittelt man einem
Pferd kaum besser als an einem pferdefreundlich
gebauten festen
Hindernis.
taxieren und bergreifen.
dazu muss man keine bunten
Stangen haben.
Wenn das
Wetter es zulässt hoffe ich dass ich auch mit diesem
jungen
Pferd sobald wie möglich auf entsprechende
Aussenplätze zum
Geländereiten gehen kann - schon weil der
Lerneffekt des "was anderes sehen" durch nichts mit
Geld zu
kaufen ist - von
Wasser und klettern bergauf und
bergab in leichter
Anlehnung und den überaus sinnvollen
physischen Effekt desselben auf die
Tragfähigkeit
Muskulatur des
Pferdes wollen wir gar nicht
reden.
je früher je besser.
weil: natürlicher geht es nicht.
STANGENhindernisse sind ein
Auswuchs moderner
Reiterei aber weit entfernt vom verstehen und formen
derselben in der
Ausbildung des jungen
Pferdes.
weshalb es mir schier unverständlich ist dass
Springpferde- und
Eignungsprüfungen
zwar bereits für 4jrg heute eine gewisse
Popularität (und
Selbstverständnis) geniessen, aber man bei FESTEN
Hindernissen ein grosses
Fragezeichen macht ob sie dazu überhaupt "reif " genug
sind????
UMGEKHRT wird erst ein
Schuh draus!
Natürliche
Hindernisse, klettern,
Wasser und
Strich galoppieren bei leichter
Anlehnung nach vorn sind durch nichts zu ersetzen und
die natürlichste (weil artgrechteste)
Form der
Ausbildung - schade nur dass unser heutiges
Verständnis von
Reiterei und
Ausbildung eines jungen
Pferdes uns soweit davon entfernt hat dass man sich
heute tatsächlich die
Frage stellt:
"wann anfangen mit
Buschreiterei?"
ein
Rückschritt, kein
Fortschritt, möchte ich meinen.
Ein ordentliche gerade angerittenes 3 oder
4jrg
Pferd kann jeden festen
Buschkurs im
Zweifel aus dem
Trab aber dafür in sicherem
Selbstverständnis und steter
Selbsterkenntnis seiner
Fähigkeiten sehr viel einfacher absolvieren als einen
Stangenkurs oder
Stangenhindernisse - und ich möchte behaupten sie
haben selber
auch weitaus mehr
Spass an der
Sache als an der künstlichen
Alternative - weil sie es besser begreifen und
natürlich angehen.
Und das trifft ganz besonders auch auf dauerlongierte
und
unter samtenen Deckchen gehaltene
Dressur- und
Materialpferde zu.
"Spezialisierung" ist eine unnatürliche aber leider
modern gewordene
Herangehensweise der
Ausbildung - NATÜRLICHE
Ausbildung draussen im
Busch sollte das
Mass der
Dinge sein für jedes
Pferd, ganz egal ob sie
später
dann wirklich mal
Geländeprüfungen gehen sollen
oder nicht.
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Die geehrten Preisträger des heutigen Abends, wie alle, die sich beruflich mit dem Pferd beschäftigen, haben in ihrer Ausbildung umfangreiche Erfahrungen in Zucht, Haltung und Reitausbildung gewinnen können. Von uns Berufskolleginnen und – kollegen wird erwartet, diese Erfahrungen nun weiterzugeben und denjenigen vermitteln zu können, die unseres Rates und unserer Hilfe bedürfen.
Und das ist die Mehrzahl aller pferdebegeisterten Menschen. Nur die wenigsten Pferdefreunde haben die Chance, so wie wir, die wir beruflich mit dem Pferd befasst sind, sich jahrelang den ganzen Tag umfassend mit den jeweiligen Pferdeindividuen auseinander zu setzen. Nur wenige der heutigen Pferdebesitzer und – halter, aber auch nur wenige unserer reiterlich aktiven Amateure sind in Pferdefamilien groß geworden und haben Pferdeverstand (oder ein anderes Wort dafür: Horsemanship) quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Millionen von Pferdefreunden bleiben wichtige Kenntnisse über Verhaltensweisen des Pferdes, über Anforderungen in Umgang und Haltung, über Erfordernisse an reiterlichem Einfühlungsvermögen versagt, woraus oft genug gravierende Probleme im Miteinander von Pferd und Mensch entstehen. Nicht selten sind dann vermeintliche hippologische Heilsbringer die erhoffte, wenn auch meist überteuert erkaufte Rettung. Die Tatsache, dass solche „Gurus“ überhaupt Zulauf haben, aber auch die Tatsache, dass geradezu absurde Trainingsmethoden heutzutage als „neue, moderne“ Ausbildungswege deklariert und nahezu kritiklos nachgemacht werden, muss uns zu denken geben. Es werden heutzutage Sachverhalte in Frage gestellt, die sich seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten, im Umgang und in der Ausbildung mit Pferden bewährt haben. Was in Frage gestellt wird, wird meist sehr öffentlichkeitswirksam, noch mehr kommerziell wirksam durch eigene exotische Methoden und Verfahren ersetzt, die natürlich auch die Anschaffung ganz besonderer Peitschen, Leinen, Ketten oder Bücher und sonstiger Medien erfordern. Die im Frühjahr stattfindende Equitana wird uns hierzu wieder zahlreiche Beispiele liefern. Als Beobachter „alternativer Heilsbringer“, die ihre vermeintlich neuen Lehren mit geradezu missionarischem Sendungsbewußtsein, aber auch kommerziellem Geschick vertreten (wobei sich missionarisch und kommerziell eigentlich ausschließen müssten), muss ich mich fragen: haben denn die Erfahrungen sogenannter „alter Pferdeleute“, wie die z. B. meines Vaters, der aus einer über Generationen nachzuvollziehenden Pferdefamilie stammte, nichts getaugt? Haben sie mich den falschen Umgang mit dem Pferd gelehrt, wurde die falsche Reitlehre vermittelt? Wohl kaum; denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir auch nur mit einem einzigen unserer Pferde irgendein Problem im Umgang gehabt hätten. Ein Monty Roberts war entbehrlich zu einer Zeit, als jeder Vater seinen Kindern den sachgemäßen Umgang mit dem Pferd als einen wesentlichen Teil seiner alltäglichen Erziehung mitgegeben hat.
Ich frage mich auch angesichts vermeintlich neuer Ausbildungsmethoden: Hat die HDV – gemäße Reitausbildung uns und unsere Pferde etwas in die falsche Richtung geformt? Ich meine: nein! Die größten Meister, die ich als Reitschüler oder als Trainer – bzw. Ausbilderkollege erleben durfte, haben alle die gleichen hippologischen Wurzeln gehabt, nämlich die der sogenannten “klassischen Reitlehre“ mit der Skala der Ausbildung in exakt der gleichen Formulierung, wie sie heute noch in den Richtlinien steht. Nach diesen Grundsätzen sind Pferde unter Reitern ausgebildet worden, die als Reiter und später als Ausbilder zu den bedeutendsten Vertreter dieser klassischen Reitauffassung gehörten, von Stensbeck über Frhr. Von Langen zu allen Angehörigen der Kavallerieschule, die den Reitsport der Welt über Jahrzehnte dominierten, wie Brinckmann, Polley, Momm, Stubbendorff, Habel, Viebig, Niemack, Graf Rothkirch, um nur einige Namen zu nennen. Diese Generation hat exakt dieselben Reitauffassungen in die Nachkriegszeit hinüber gerettet. Sie haben die Grundlage geschaffen für den heutigen Standard deutscher Reitkultur. Ihrem Wirken entspringen die Leistungen von Reiterlegenden wie Winkler, Klimke, Ligges oder Boldt und vielen anderen Tausenden von Meisterreitern und Ausbildern, zu denen auch die Gebrüder Stecken gehören, die weltweit als Vorbilder deutschen Reitwesens gelten. Die von diesen Reiterinnen und Reitern, von diesen Ausbildern vertretene Lehre könnte schon allein deshalb als „klassisch“ bezeichnet werden, weil sie weltweit einfach die meisten und bedeutendsten Lehrmeister und Meister im Sattel hervor gebracht hat.
Worin liegen oder lagen die Gründe für diesen Erfolg und die Nachhaltigkeit dieses Erfolges? Ich vermute, es ist u.a. damit zu begründen, dass diese Generationen von Pferdeleuten das Privileg genossen haben, Pferde stets in ihrem natürlichen Bewegungsumfeld kennen gelernt und unter artgerechten, den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes angepassten Bedingungen erlebt zu haben. Sie haben die naturgegebenen Verhaltensweisen und Lebensbedürfnisse des Pferdes von Anfang an erfahren und konnten daher in jeder Hinsicht der Natur des Pferdes gerecht werden und dementsprechend handeln. In der Nutzung des Pferdes war man auf die Gesunderhaltung und eine hohe Lebenserwartung besonders angewiesen. Die Ausbildung hat die wesentlichen Grundlagen gelegt für eine vielseitige Verwendungsmöglichkeit des Pferdes im manchmal ganztägigen Einsatz bei langjähriger Nutzungsdauer. Daher standen als erste Ausbildungsziele die Balancefindung unter dem Reiter, die Kräftigung und Abhärtung im Vordergrund, nicht das Erlernen von Lektionen oder gar Präsentieren spektakulärer Bewegungen. Mit dieser Ausbildungsphilosophie bin ich noch aufgewachsen, habe die ersten Longenstunden und Reitstunden, überwiegend im Gelände, auf einem Pferd bekommen, das je nach landwirtschaftlichen Erfordernissen viele Stunden am Tag im Einsatz war.. Zu vielen Reitstunden, wie z. B. bei Erich Philipp, mussten wir 20 km hin und 20 km zurück durchs Gelände reiten. Auch die Wege zu den wenigen Turnieren wurden auf dem Pferderücken zurückgelegt. Es gab ja keine Hänger, Transporter, keine ziehenden Fahrzeuge. Es gab aber auch keine Fachtierärzte für Pferde, erst recht keine Pferdeklinik. Sie wären zur damaligen Zeit auch nicht existenzfähig gewesen.
In unserer heutigen Zeit, in der der Daseinszweck des Pferdes fast nur noch darin besteht, uns in unserer meist knappen Freizeit zu erfreuen bzw. zur Befriedigung unseres aktuellen sportlichen Ehrgeizes beizutragen, laufen wir schnell Gefahr, es als zeitweise genutztes Freizeitsport – oder Leistungssportgerät zu betrachten und unsere Konzentration nur noch auf die kurze Zeitspanne des Gebrauchs zu lenken, statt die eigentlichen Lebens – und Verhaltensbedürfnisse über alle Tagesstunden eines jeden Wochentages zu berücksichtigen. Der Natur des Pferdes entspricht nicht die höchstens einstündige Nutzung unter dem Sattel; die Natur des Pferde erfordert manchmal auch deutlich mehr Zeit, als wir uns den Pferden üblicherweise widmen können, aber auch vielmehr Raum, als es viele Reitanlagen und Betriebe in unserem stark besiedelten Lebensraum zulassen. Auch wenn manchmal viele Kompromisse erforderlich sind: an der Natur des Pferdes haben wir uns dennoch in unserem täglichen Schaffen zu orientieren, und dies nicht nur, weil es so in den uns selbst auferlegten „Ethischen Grundsätzen des Pferdefreundes“ geschrieben steht, sondern allein deshalb, weil ihre Berücksichtigung erst den sachgemäßen, gesicherten Umgang und die erfolgreiche harmonische Ausbildung ermöglicht.
Worin ist nun die Natur des Pferdes begründet, wie kann ich sie im täglichen
Umgang, in der Haltung oder in der Ausbildung berücksichtigen?Zur Antwort auf
diese grundsätzliche Frage eine Aussage vorab:
Trotz aller Domestizierung über Jahrtausende, trotz unterschiedlichster Nutzung
durch den Menschen, trotz intensivster, gezielter züchterischer Selektion gilt
nach wie vor:
Das Pferd ist von seiner Natur her mit all seinen Wesensmerkmalen ein Steppentier, ein Lauftier, ein Fluchttier, ein Herdentier, um nur einige biologisch – ethologische Begriffe der Spezies Pferd zuzuordnen. Wenn wir in unseren Breiten, aber auch bei unserer Nutzung des Pferdes es nicht wie ein Steppen -, Flucht – oder Herdentier halten können, müsste konsequenterweise die züchterische Beeinflussung das Pferd so verändern, dass es die Eigenschaften eines Käfigtieres einnimmt, wenn wir es denn tier- und artgerecht so halten wollen, wie wir es heute oft genug tun. Aber die Zucht selektiert zur Verbesserung der Reiteigenschaften, besserer Bewegungen, Rittigkeit oder besserer Springveranlagung. Noch kein Zuchtverband ist aber z. B. auf die Idee gekommen, Pferde mit besonders großen Mägen zu züchten, um sie nur noch einmal in der Woche füttern zu müssen. Daraus folgt: solange Pferde so sind, wie sie von Natur aus sind, müssen wir sie halten und mit ihnen umgehen, wie sie sind. Das Pferd hat z. B. als Fluchttier ein extrem feines Gehör, weshalb man manche akustische Stimmungsmache auf großen Hallenturnieren fast als Tierquälerei empfinden muss. Auch das Anschreien eines Pferdes, wenn wir meinen, es dadurch disziplinieren zu müssen, entlarvt nur unser mangelndes Wissen über die Natur des Pferdes. Der Leithengst ist kein Brüllaffe. Gebrüll empfindet das Pferd als Gefahrensituation, nicht als Situation, in der es sich einem ranghöheren Lebewesen anvertrauen mag, um mehr Sicherheit zu genießen. Das Sehverhalten eines Pferdes ist nach wie vor auf Steppen – bzw. Fluchtsituationen ausgelegt. Das Pferd hat fast Rundumsicht und kann Bewegungen wesentlich differenzierter wahrnehmen als der Mensch. Dies müssen wir einfach berücksichtigen, wenn ein Pferd sich erschrickt, auch wenn wir den Grund dafür selbst nicht realisiert haben. Das Pferd hat auch eine sehr empfindliche Wahrnehmung auf der Haut. Es nimmt jede Fliege auf dem Fell wahr, zuckt dort mit der Haut oder schlägt mit dem Schweif, um das Insekt zu vertreiben. Dies muss allen zu denken geben, die mit scharfen Sporen oder heftigem Schenkeleinsatz das Pferd malträtieren. Stumpf oder gar „tot am Schenkel“ ist ein Pferd nicht von Natur aus, es wurde dazu gemacht! Außer bei den Sinnesorganen entspricht auch die sonstige Anatomie und Physiologie des Pferdes noch ganz der eines Steppentieres. So verfügt das Pferd über einen empfindlichen, hoch entwickelten Atmungsapparat, dem man nicht nur durch entsprechende Haltung Rechnung tragen muss, sondern auch durch entsprechendes Training. Wenn Pferde nicht mehr frei und auch in höherem Tempo galoppieren dürfen, können die Atmungsorgane nicht mehr ausreichend ventiliert werden. Ständiges Dressurreiten in gedrosseltem Tempo ohne freie Galopps auf der Weide oder unter dem Sattel, ist daher Degenerationstraining für die Lungen. Das Verhalten von Fohlen und Jungtieren auf großen Weiden zeigt uns deutlich, wie durch einen Wechsel von ruhiger Bewegung zu flotten Galopps die Natur dafür sorgt, dass der Atmungs- , aber auch der Bewegungsapparat ständig trainiert und damit gesund erhalten wird. Auch hinsichtlich des Bewegungsapparates stellt das Pferd von seiner Natur her die Anforderungen eines Dauerlauftieres. In freier Umgebung würde sich das Pferd fast ständig in Bewegung befinden, meist im ruhigen Schritt, evtl. unterbrochen von schnellen Galopps als Training für die Fluchtsituation (der Trab ist eher die Erholungsgangart, das gilt übrigens auch für das sportliche Training). Wenn nun ein Halter oder Reiter sich nun damit brüstet, sein Pferd täglich zu bewegen, weil er es ja jeweils eines Stunde reitet und natürlich auch keinen Stehtag einlegt, kann er der Natur des Pferdes mit diesem Bewegungsangebot dennoch nicht entsprechen. Es ist nämlich zu unterscheiden zwischen naturgegebenen Bewegungsbedarf und dem individuellen Bewegungsbedürfnis. Das Training kann evt. einen Teil des Bewegungsbedarfes abdecken, ob es aber dem jeweiligen individuellen Bedürfnis des Pferdes entspricht, in einer Reitstunde 20 Pirouetten zu drehen, 10 Minuten zu piaffieren oder 40 Sprünge zu überwinden, sei sehr dahin gestellt. Den ausreichenden Bewegungsbedarf und die Befriedigung des Bewegungsbedürfnisses kann ich nur sicher stellen, wenn ich dem Pferd zusätzlich zum Reiten freie, ungezwungene Bewegung (z. B. auf ausreichender Weidefläche) ermögliche. Die Tatsache, dass die meisten Dressurpferde, aber auch sehr viele Springpferde, aber in selteneren Fällen Fahr- und Vielseitigkeitspferde sich bei Siegerehrungen angeblich nicht mehr ohne Zwangsmittel vorstellen lassen, kann Beleg dafür sein, dass natürliche Bewegungsbedürfnisse des Pferdes nicht mehr ausreichend abgedeckt sind, die dann aber bei der Ehrenrunde im Herdenverband wieder wach werden; unter Musik – und Applausbegleitung wird gleichzeitig der Fluchtinstinkt mittrainiert. Bekäme jedes Dressur – und Springpferd regelmäßig Gelegenheit zu flotten Galopps unter dem Sattel oder auf der Weide, könnten vielleicht auch Dressurweltmeister und Springderbysieger wieder ungefährlicher ihre Ehrenrunden drehen. Vor allem bräuchten wir uns die unglaublich unsinnige Argumentation nicht mehr anzuhören, der Schlaufzügel auf dem Abreiteplatz oder bei der Siegerehrung diene der Sicherheit. Wenn wir Zwangsmittel einsetzen müssen, um Pferde in bestimmten, von uns gewollten Situationen gefügig zu halten, haben wir unsere reiterliche Bankrotterklärung abgegeben. Sie offenbart insbesondere ein geradezu perverses Verständnis von Dressur als Abrichtung des Pferdes für die Erfüllung bestimmter Aufgaben, ohne auf die eigentlichen Bedürfnisse des Pferdes Rücksicht nehmen zu müssen.
Das Pferd dokumentiert uns in seinem Verhalten, in seinem Gesundheitszustand und in seinen Befindlichkeiten unseren hippologischen Sachverstand. Die Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl aller Pferdeerkrankungen heutzutage ausgerechnet am Atmungs – und am Bewegungsapparat auftreten, belegt, dass wir meist nur bedingt die Lebensbedürfnisse eines Pferdes in unserer Haltung und Nutzung befriedigen können. Wir haben nun mal keine Steppe mehr vor der Haustür, aber das ist auch keine Ausrede dafür, die Anforderungen an Haltung, Bewegung und Ernährung auf Kosten der Gesundheit und des mentalen Wohlbefinden des Pferde zu ignorieren.
Die Qualität des Miteinander von Mensch und Pferd wird aber auch ganz wesentlich vom Herdenverhalten des Pferdes bestimmt und davon, wie der Mensch damit umgeht. Man könnte salopp sagen: das Pferd ist ein Gesellschaftstier und spätestens dann, wenn wir ein Pferd aus dem Herdenverband herausholen, müssen wir uns als Sozialpartner des Pferdes verstehen und uns auch entsprechend verhalten, natürlich als das dominierende, ranghöhere Lebewesen. Die über das Pferd zu erzielende Dominanz muss aber von Respekt und Vertrauen geprägt sein, nicht von Angst oder Unsicherheit. Indem sich das Pferd respekt – und vertrauensvoll unterordnet, gewinnt es an Ruhe und innerer Sicherheit, an der Hand wie unter dem Sattel. Die Leittierrolle zu übernehmen fällt vielen Menschen schwer, es erfordert Kenntnisse in den Verhaltensweisen des Pferdes und besonders viel Konsequenz. Grobiane, die sich mit einem Pferd anlegen, können es dauerhaft unbrauchbar machen, weil das Pferd im Kampfe schnell merkt, dass es ja doch der Stärkere ist. Pferde haben auch ein hervorragendes Erinnerungsvermögen. Ihre Misshandler vergessen sie ein Leben lang nicht. Umgekehrt: Welch eine Chance für uns, durch richtigen Umgang mit seinen Pferden lebenslange Vertrauensverhältnisse zu ihnen aufbauen zu können.
Falsch verstandene Pferdeliebe führt aber auch nicht zum Ziel, weil damit kaum Dominanz zu erzielen ist.
Nicht selten werden dem Pferd menschliche Denkmuster, Charakterhaltungen oder Verhaltensweisen unterstellt. Tanzt einem das Pferd mal wieder auf dem Kopf herum, wird schnell vermutet, das Pferd wolle einen ärgern oder „linken“. Schnell ein Leckerli, damit es aus Dankbarkeit seine Unarten einstellt. Nein, das Pferd hat keine Charakterzüge wie Hinterhältigkeit oder Korrumpierbarkeit, solche Schwächen sind der menschlichen Natur vorbehalten.
Wir dürfen das Pferd nicht vermenschlichen, wenn schon, dann müssen wir Menschen uns „verpferdlichen“. Uns wäre dann z. B. schnell klar, weshalb sich kein Pferd durch Reißen am Zügel vertrauensvoll unterordnen lässt, auch nicht beim Führen, selbst wenn man ihm eine Kette durchs Maul zieht. Oder haben Sie schon mal ein ranghöheres Pferd gesehen, dass dem rangniederen auf die Zunge beißt? Wir würden verstehen, weshalb Pferde als Fluchttiere immer unzuverlässiger und skeptischer springen, wenn man die Angst vor einem Sprung mit der Angst vor der Peitsche überwinden will. Wir wüssten Scheuen richtig einzuschätzen und dem durch mehr Ruhe, aber auch durch mehr Bestimmtheit (bedeutet vertrauensvolle Unterordnung) zu begegnen. Wir könnten innere Unruhe, äußere Merkmale der Unzufriedenheit schon im Ansatz erkennen und wir könnten es ermöglichen, dass es überhaupt keine sogenannten Korrekturpferde mehr gäbe. Das widersetzliche Pferd zeigt mir nur mein eigenes Unvermögen im Umgang oder beim Reiten auf. Es ist der Spiegel meiner Inkompetenz. Das schwierige Pferd wurde nicht als sogenannter Verbrecher geboren, es wurde vom Menschen dazu gemacht; oft nicht aus Bösartigkeit oder krimineller Energie, sondern aus Unkenntnis über sachgemäßen, naturgerechten Umgang mit dem Pferd.
Dies gilt für jegliche Ausbildung, vom Boden, vom Bock oder vom Sattel aus. Wir Pferdeausbilder haben es aber gar nicht so schwer uns über artgerechte Ausbildung zu informieren. Wir können, müssen aber nicht alle verfügbaren Bücher lesen oder uns teure Geheimtipps von Gurus erkaufen.
„Richtig reiten reicht“, so hat es mein hippologisches Vorbild und Vorgänger in meinem jetzigen Amt Paul Stecken trefflich auf den Punkt gebracht. Und wie richtig reiten geht, steht in unserer Reitlehre beschrieben, wir müssen uns nur daran halten. Unsere Reitlehre, basierend auf der Skala der Ausbildung, ist kein abstraktes theoretisches Konstrukt, sondern hat sich entwickelt aus Beobachtungen und Erkenntnissen von Pferdefachleuten zur Natur und zu den natürlichen Bewegungen des Pferdes. Nicht nur die Ausbildungsskala, sondern alle gymnastizierenden Übungen lassen sich in ihren Zielsetzungen logisch und nachvollziehbar mit den anatomischen Zusammenhängen erläutern. Sich ergebende Beanspruchungen sind pyhsiologisch erklärbar.
Takt ist u. a. deshalb 1. Punkt der Ausbildungsskala, weil sich ein gesundes, frei laufendes Pferd stets taktrein bewegt. Unter dem Reiter muss dem Pferd Gelegenheit gegeben werden, sich seinem natürlichen Verhalten entsprechend zu bewegen. Oder anders ausgedrückt: Wer sein Pferd nachhaltig aus dem Takt bringt oder im Takt stört, reitet gegen die Natur des Pferdes. Ähnlich die Begründung für die Losgelassenheit: Anspannung zeigt ein freies Pferd nur in Angst- und Fluchtsituationen, ggf. in Rangordnungskämpfen, zu denen das Pferd aber nur in kurzen Zeitspannen fähig ist. Nur in Losgelassenheit hält ein Pferd demnach längere Arbeit und Training ohne gesundheitliche und mentale Beeinträchtigungen aus. Nur ein vertrauensvoll sich unterordnendes Pferd kann losgelassen gehen, das zwangsweise Untergeordnete hat Angst und geht damit verspannt. Alle Indizien der Losgelassenheit (Kauen, schwingender Rücken, pendelnder Schweif, das Abschnauben, die Dehnungsbereitschaft) lassen sich mit natürlichen Körperfunktionen erklären. Gleiches gilt für die Kriterien der Anlehnung. Nimmt z. B. ein Pferd beim Zügel aufnehmen zu Beginn der Stunden den Kopf hoch, zeigt es als Fluchttier damit eine Angstsymptomatik, hier wahrscheinlich die Angst vor den Schmerzen, die eine riegelnde Reiterhand verursacht. Auch alle anderen Anlehnungsphänomene sind funktional begründbar. Angesichts der Rollkurthematik möchte ich noch auf die Bedeutung des Halses als Balancierstange verweisen. Zwangsweises Verbiegen oder Zusammenziehen des Halses ist unphysiologisch und entspricht in keinster Weise des Natur des Pferdes. In der Natur würde kein Pferd über längere Zeit solche absurden Halshaltungen einnehmen, da es sich dabei seiner eigenen Balancefähigkeit berauben würde. Was dieses auch mental bedeutet, kann sich jeder Mensch deutlich machen, wenn er selbst körperliche Arbeit in Zwangshaltungen ausführen müsste.
Zurück zur Ausbildungsskala: Warum brauchen wir Schwung und Schubkraft? Sie sind Voraussetzung dafür, dass dem Pferd das Tragen des Reitergewichtes im Rücken erleichtert wird. Geraderichtung bedeutet gleichmäßige Gymnastizierung beider Körperhälften, eine zwingende Voraussetzung nicht nur zur Gesunderhaltung. Den Begriff Versammlung kann man auch mit Balancierfähigkeit übersetzen. Das Steppen – ,Lauf – und Fluchttier Pferd benötigt aber extreme Versammlung in der Natur nur sehr selten und nur in sehr kurzen Zeitabschnitten, weshalb die Muskulatur für Versammlung zu Dauerbelastungen nicht geeignet ist. Übertriebenes Piaffieren, Passagieren oder Pirouettendrehen macht Pferde daher schnell in den Muskeln sauer; ihnen bleibt nichts anderes übrig, als bei Überforderung mit negativer Anspannung die geforderten exsaltierten Bewegungen auszuführen. Mit diesen Basiskenntnissen zu funktionaler Anatomie wird mir die Freude an manchen Kürprüfungen im Grand Prix – Bereich ziemlich genommen, in denen je nach Talent mache Pferde immer länger schweisstreibend auf der Stelle tanzen müssen. Nun ja: den trocknenden Schnellgalopp können sie bei Bedarf ja in der Ehrenrunde nachholen, quasi als Ersatzbefriedigung für entgangene Vorwärtsbewegung.
Provozierende Aussagen wie diese überzeichnen bewusst, sie sollen aber um so deutlicher machen, dass wir bei aller Euphorie für unseren Sport, bei allem Enthusiasmus für den Umgang mit dem Pferd stets unserer Verantwortung bewusst sind für die artgerechte Haltung eines Lebewesens, das wir zum Haustier gemacht haben, obwohl es noch Naturmerkmale eines Wildtieres in sich trägt.
Vielleicht können wir hierin auch eine große Chance für unsere weitere
berufliche Tätigkeit sehen, indem wir unser ganzes Tun und Handeln stets mit den
Anforderungen begründen, die uns die Natur des Pferdes stellt. Wenn wir dies
unseren Kunden vermitteln, werden wir die Kundschaft auch zufrieden stellen,
denn wohl jedem Pferdebesitzer liegt das Wohlbefinden seines eigenen Pferdes
ganz besonders am Herzen, ein Wohlbefinden, das wir mit dem Eingehen auf die
natürlichen Bedürfnisse des Pferdes in besonderer Weise zu erreichen versuchen.