Ostpreussen - eine Reise in die Vergangenheit

Neun Tage Programm, und was für ein Programm war das, zu dem die Reisegruppe um
den Trakehnen Verein
Ende August antrat!
Mit dem Fährschiff ging es von Kiel über die Ostsee ins littauische Memel (Klaipeda),
von dort übers Haff auf die Kuhrische Nehrung, eintauchen in eine Landschaft wie
der Unkundige sie sich wohl kaum schöner hätte vorstellen können. Die Seeküste
erinnert an Sylt, die Küste zum Haff bezaubert durch pitoreske Fischerdörfchen
von urältestem Charme. Im malerischen Dörfchen Nidden ist noch heute das
einstige Feriendomizil des Schriftstellers Thomas Mann zu besichtigen.
(reichlich sehenswerte Fotos zu allen genannten Schauplätzen gibt es
hier)

Das
Überschreiten der Grenze nach Russland ist der Eintritt in eine völlig andere
Welt.
Brachliegende, unbestellte Felder, verstrauchte Landschaft so weit das Auge
reicht. Die einstige Kornkammer des preussischen Reiches wildert dahin. Der
Pregel mäandert unberührt durch die Landschaft und verschafft ihr wertvolle
ungenutzte Fruchtbarkeit. Wo früher stolze Rösser und satte Viehherden weideten
grasen heute vereinzelt angekettete Rinder neben versprengten Wohnhäusern oder
Ruinen. Wehmut und Trauer.
Dieses Land hätte so viel zu bieten, und doch ist der
Verfall offensichtlich und tut weh.
Wie wird es uns wohl in Trakehnen ergehen?
Über Königsberg und Insterburg fiebert jeder dem Tag entgegen, an dem es endlich zur Perle der einstigen ostpreussischen Pferdezucht geht - dankbar sind wir jedes Mal aufs Neue wenn Klaus Hagen, unser mitgereister Ostpreusse, zum Mikrofon greift und aus Erinnerungen seiner Jugend erzählt, je näher wir Trakehnen kommen. Die lange Allee zum Mittelpunkt Trakehnens ist längst erreicht, es holpert und poltert, der Bus ächzt in manch einem Schlagloch der kaum befestigten Strasse. Ach, wären es doch nur die Schlaglöcher...


Herr
Hagen nennt Gebäude und ihre einstigen Funktionen, in ihrem heutigen Zustand
kaum wieder zu erkennen. Wir überqueren den Pissakanal, oft zitiert als
unbedingter Bestandteil der berühmten Trakehner Jagdgesellschaften, die Fahrt
geht durch dichten Baumwuchs, plötzlich strahlt das weisse Trakehner Tor vor uns
- es suggeriert eine längst vergangene Herrlichkeit. Der Bus kommt vor dem
Landstallmeisterhaus zum stehen, das "Schloss", in dem heute eine Schule
untergebracht ist. Wir purzeln in den Park. Dichte Eichen haben sich hier ihre
Herrschaft erhalten, das Blattwerk täuscht malerisch über die dahinter liegenden
Wohnhäuser hinweg. Frei und ganz sicher lebensfroh stolzieren hier heute die
Hühner umher - ein stolzer Gockel mittendrin.
Unwillkürlich muss ich an Iwan, unseren Reiseführer denken...
Der
Empfang im Schloss ist herzlich, alte Bekannte werden umarmt und "gebutscht",
dank des fleissigen Deutschlehrers Ivan Kuznetsov klappt die Verständigung
reibungslos. Mitunter spielt die Sprache aber auch gar keine Rolle, es gibt
Dinge, die gehen einfach tief unter die Haut, ganz egal in welcher Sprache:
ein solches "Ding" war der Gesang von Anja, Schülerin in Trakehnen und mit einer
Stimme gesegnet, die ihresgleichen sucht. Anjas Intonation vom Ännchen von
Tharau lies Gläser surren und Tränen kullern - so schön. Die Affinität zum Lied
war seit dem Besuch in Klaipeda (hier war das Ännchen von Tharau Denkmal besucht
worden und man hatte die Geschichte der braven Pastorentochter kennengelernt)
bei der gesamten Gruppe vorhanden, Anjas einmaliger Gesang tat sein übriges -
Emotionen nationenübergreifend und auch die gestandenen Herren unter den Gästen
rieben sich verstohlen die Augen. Selten dürfte der kleine Museumsraum im
Landstallmeisterhaus in Trakehnen einen solchen Applaus gehört haben, es wollte
gar nicht wieder aufhören zu klatschen, man war berührt.
Das sind die Momente, dafür lebt man wohl.

Anlässlich
des Besuches aus Deutschland werden die gerade neu und mit viel Liebe erstellten
Porträts der diversen Landstallmeister von Trakehnen erstmals öffentlich
präsentiert - sie werden künftig eine anschauliche Bereicherung für das Museum
darstellen.
Der Rundgang durch das kleine Museum beschliesst den Hausbesuch im
Landstallmeisterhaus, die Gruppe verteilt sich auf dem Gelände, der gelebten
Geschichte auf der Spur.
Nachtigallengesang
Passend an dieser Stelle ein Auszug aus dem Artikel "Trakehnen
ist wieder eine Reise wert!" von Dr. Horst Willer:
"Dass Trakehnen nun die offizielle Ortsbezeichnung Jasnaja Poljana trägt ist nur
eine Äußerlichkeit. Auch dass auf den weitläufigen Weiden Trakehnens seit
Kriegsende keine Pferde mehr weiden ist bekannt. Aber nur wenig von dem, was die
Größe, den Glanz und die Einmaligkeit jenes Paradestücks der Preußischen
Gestütsverwaltung ausmachte, ist noch übrig geblieben oder nur noch in der
Grundstruktur und in Spuren sichtbar. Auch heute noch führt eine
Hauptzugangstraße über den Pissa-Kanal, jenes spektakuläre Hindernis, das so oft
während der Trakehner Jagden durchquert werden musste. Von den Ufern her ist der
ehemals funktionsfähige Entwässerungskanal total zugewachsen. Die nicht mehr
intakten Dränagen und Grabensysteme haben im Zeitablauf aus den ehemaligen
fruchtbaren Weiden, Wiesen und Äckern großflächige Feuchtbiotope und
Brachflächen entstehen lassen. Die am Bahnhof Trakehnen beginnende fast sechs
Kilometer lange und mit alten knorrigen Eichen bestückte Allee hat die Zeit
überdauert. Das Vorwerk Bajohrgallen, an dem sie vorbeiführt, ist nur noch durch
einige Mauerreste erkennbar. Ein ähnliches klägliches Bild bieten mit Ausnahme
des Vorwerks Kalpakin, wo einst die viel gerühmte braune Herde stationiert war,
viele andere Vorwerke. Da einige von ihnen bereits während der letzten
Kriegshandlungen in einer Hauptkampflinie gelegen haben, sind sie bereits gegen
Ende des Krieges fast vollkommen zerstört worden. Aus der ehemaligen Sowchose in
Jasnaja Poljana ist nach der Wende eine Agrargenossenschaft entstanden. Deren
Rindviehbestände sind in den noch teilweise vorhandenen aber baufälligen
ehemaligen Stuten- und Fohlenställen sowie dem legendären Auktions-und
Jagdstall, die innen wie außen großen Schaden genommen haben, mehr schlecht als
recht untergebracht. Die Sommerresidenzen der Hauptbeschäler können nur noch in
ihren Grundmauern ausgemacht werden.
Der legendäre Gasthof Elch ist als Lagergebäude unversehrt geblieben, ebenso die
ehemalige Apotheke, die später zum Gasthaus umfunktioniert wurde. Auch das
Trakehner Tor und das Landstallmeisterhaus, deutlich gezeichnet durch den Zahn
der Zeit, sind heil geblieben und können trotz aller Wehmut, die viele Besucher
am Ort überkommt, wieder zumindest für kurze Momente freudige Blicke auf sich
lenken. Das Herzstück Trakehnens ist erhalten geblieben, dabei sollten der
abbröckelnde Putz, der fehlende Turm, die verotteten Fenster und die schadhaft
gewordenen Dächer zunächst zweitrangig sein. Hinter dem Trakehner Schloss ist
der ehemals repräsentative Park mit dem kleinen See einem Fußballplatz gewichen.
Auf ihm tummeln sich täglich viel Jugendliche. Sie gehören zu der Haupt- und
Mittelschule, die bereits nach Kriegsende in dem Landstallmeisterhaus
eingerichtet wurde. Den meisten Schülern, Kinder von dort freiwillig oder
zwangsweise angesiedelten Familien aus Kasachstan, Kirgistan und anderen
Regionen des ehemals riesigen Sowjetimperiums, dürfte bis dahin gar nicht
bekannt und bewusst gewesen sein, in welchem geschichtsträchtigen Haus sie
täglich unterrichtet werden."

Die
noch erhaltene Gebäudesubstanz lässt erahnen, welch eine Bedeutung und Grösse
dieses Trakehnen seinerzeit inne hatte. In dem einst imposanten Jagdstall von
150 Meter Länge hausen heute Rinder, die Fensteröffnungen sind mit Plastikplanen
verklebt. Die ehemalige Reithalle ist gänzlich unzugänglich gemacht worden, die
verbliebenen Gebäude und Ruinen erzählen ihre Geschichte weniger ob ihrer
heutigen traurigen Selbstdarstellung als vielmehr in ihrer Anordung zueinander
über dieses riesige verwachsene Areal verteilt - man begreift, dass dies eine
exzellent durchdachte, funktionierende und vor allem eigenständige Stadt von
grosser Bedeutung war. Geschichte zum anfassen eben und ein dicker Kloss im
Hals.
ehemaliger Zugang zum Reitburschenhaus
Die Abfahrt aus Trakehnen ist getragen von gemischtesten Gefühlen und grosser
Nachdenklichkeit. Wehmut eben und eine Spur von Trauer sicher auch - und doch
will sich niemand diesen Besuch und das Erlebte nehmen lassen - weil es eben
Dinge gibt, die gehen einfach tief unter die Haut.
Vor diesem Hintergrund erhalten die zahlreichen Besuche der übrigen Gestüte,
darunter Georgenburg bei Insterburg sowie das ehemalige Trakehner Gestüt im
heute polnischen Rastenburg (heute ein staatliches Hengstdepot mit vornehmlich
Kaltbluthengsten) eine ganz andere Bedeutung. Ganz besonders das polnische
Gestüt Lisky beschert sehenswerte Eindrücke einer zeitlosen Pferdezucht. Der
Kontrast zum pompös anmutenden Ogiery Romanowski könnte nicht grösser sein.
Der ostpreussische Diminutiv ist mittlerweile zu unserem liebsten Freund
geworden. Grossen Anteil hieran trägt unsere charmante polnische Reiseleiterin,
deren glockenreines Stimmchen die komplette Reisegesellschaft stets aufs neue
mit ihren Erzählungen begeistert:
"Mariellchen" wird zum geflügelten Wort und grundsätzlich fährt man hier in
einem "Autochen" und nicht in einem "Auto" dahin und überhaupt sind es von hier
nur einhundert "Kilometerchen" bis Königsberg...
Balsam für das Seelchen!

Die Reise findet ihren Abschluss mit einem ausgedehnten Aufenthalt in den
zauberhaften Masuren, eine einzigartige Landschaft in einem Polen, das sich ganz
zweifelsohne zu einer sehenswerten Perle unter den Grenzländern unserer Heimat
gewandelt hat. Nicht nur die Stakenfahrt in der unberührten Natur des Flüsschens
Krutynia weckt einhellige Begeisterung - hier lässt man die Seele baumeln und
fühlt sich einfach unbeschwert. Ein letztes Mal tönt das Jagdhorn unseres
Reiseleiters Bernd Klausing zum Ostpreussenlied - was anderswo kitschig anmuten
mag ist in diesen Wäldern wohl platziert, das kleine bisschen Gänsehautgefühl
gehört einfach dazu.
Herr
Klaus Hagen war 1993 als maßgebliches Gründungsmitglied des
Vereins der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestütsgestüts Trakehnen
e.V. bereit, den 1. Vorsitz zu übernehmen, den er mit großer Hingabe und Erfolg
ausgeübt hat. Ohne sein unerschütterliches Eintreten für uneigennützige Hilfe
zugunsten der dort lebenden Menschen und seinen unermüdlichen Einsatz bei den
baulichen Erneuerungsmaßnahmen wäre es für die zahlreichen Gäste und Freunde des
Trakehner Pferdes nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Teilen der
Welt, nicht möglich gewesen, nach Kriegsende überhaupt am Ursprungsort das 275-jährige
Gründungsjubiläum Trakehnens im Jahr 2007 freudig zu feiern. Anlässlich dieser 275-Jahrfeier wurde Herrn
Hagen die Freiherr-von-Schrötter-Medaille verliehen, eine besondere
Auszeichnung, die der Trakehner Verband zu vergeben hat.
Unbedingt lesenswert in diesem Zusammenhang ist der vollständige Bericht "Trakehnen ist
wieder eine Reise wert!" von Dr. Horst Willer
auf der Seite des
Trakehnen Vereins unter "Presse".