Wenn auch keines meiner Pferde einen westfälischen Brand trägt so bin ich doch selber durch und durch Westfale - zu meinen ersten "prägenden" Erinnerungen mit späterem Einfluss in Sachen Pferdezucht gehörte sicherlich der Besuch im Landgestüt Warendorf anlässlich des allerersten Tages der offenen Tür anno dunnemal. Damals hiessen die Heroen unter dem Sattel Frühlingstraum, Paradox, Goldlack, Romadour, Argwohn, Rendant, Angelo, Debütant ... Das absolut grösste allerdings für mich an diesem Tag war als mich einer der Gestütsbeamten auf den braunschimmeligen Kaltblüter Nippes setzte - ich kann mich gut erinnern das dass damals grossen Ärger mit meiner Mutter gab weil ich mich fortan nicht mehr waschen wollte - sollte der ehrwürdige Nippesstaub doch an mir kleben bleiben!

Inzwischen ist der Staub abgewaschen und vieles mehr mit ihm.

Aus beruflichen Gründen verbrachte ich zehn Jahre in Frankfurt, war viel im Ausland unterwegs, und wie das so ist wenn man der Heimat fern ist: man lernt erst aus der Distanz zu schätzen was einem zu Hause eigentlich lieb und teuer war. In meinem Falle war das die westfälische Pferdezucht, insbesondere als ich beständig das Gefühl hatte dass es gerade in Hessen wenig gab das man dem entgegen zu setzten hatte... Ein Florestan war auch dort in aller Munde.
Das für mich einschneidenste Erlebnis war dann als plötzlich ein gewisser Fidermark unter Michael Farwick für Furore sorgte und Westfalen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte... Nach den inzwischen lange verblichenen Bildern eines Ahlerich oder Fire sorgten diese beiden für die Renaissance des Westfalenlandes jenseits seiner Zuchtgebietsgrenzen. So kam ich überhaupt zu meiner Fabrice und fand später mit ihr den Einstieg in die aktive Pferdezucht, so sollte später nach meiner Rückkehr in die westfälische Heimat mein weiterer Werdegang im Turniersport mit Shannon durch Michael geprägt sein wie auch mein züchterisches Verständnis zunächst sehr durch die Ereignisse um Fidermark und die damit im Zusammenhang stehenden Entwicklungen nachhaltig geprägt wurden. 
                                                                                                                                                                     
War ich aus der hessischen Ferne dem westfälischen Nationalstolz noch sehr verfallen so bröckelte dieser Idealismus später daheim mit jedem Jahr mehr und mehr. Die Erkenntnis dass selbst komplette Körjahrgänge das Prädikat "Westfalen" nicht mehr verdienten weil westfälisches Blut in den ersten Generationen zu weniger als 40%  überhaupt noch vorhanden war war bitter und tat weh.Was war da bloss alles verlorengegangen in den letzten Jahren?
Aber wie das so ist: jedes Ding hat seine zwei Seiten. Wenn ich damals beim Autokauf noch grosszügig gegen einen Kreidepastell Shannon und Fabrice                Diesel entschied im Glauben ich würde eh nicht mehr viele Kilometer auf die Strasse bringen so sollte sich das im Laufe der Zeit  ins krasse Gegenteil wandeln: In den letzen Jahren waren es dann mehrere tausend Kilometer und unendliche Wochenenden und Urlaubstage die für Fahrten in benachbarte Zuchtgebiete, zu Körungen, Hengst- und Fohlenschauen, Auktionen und ähnliches draufgingen. Wobei ich im Laufe der Zeit äusserst flexibel geworden bin was die Definition des Begriffes "benachbart" angeht - das erstreckt sich in meinem Vokabular durchaus bis Neumünster....

Und so habe ich denn beständig über den Tellerrand geguckt und mir meine ganz persönliche Einstellung zur Pferdezucht im allgemeinen mühsam Stück für Stück erarbeitet. Positives und Negatives gibt es überall, gute und weniger gute Pferde ebenso, Highlights sind überall spärlich gesäät, beim einen mehr, beim anderen weniger. Nur mit der Identität ist das so eine Sache: die ist schlicht auf der Strecke geblieben.

Ich liebe meinen Holsteiner über alles - aber wenn ich einen Holsteiner suche dann fahre ich dafür auch nach Holstein und lasse mir nicht in Westfalen das Rad neu erfinden. Und wenn ich gut durchgezüchtete ("konsolidiert" ist ein gern genommenes Wort...) Stutenstämme suche dann fahre ich heute dafür nach Hannover. Oder Oldenburg. So es denn nicht die vielbeschrieenen schön schwarzen Modehengste betrifft. Und wenn ich ein Pferd aufgrund seiner Leistung oder einen Hengst aufgrund seiner Vererbungskraft beurteile dann ist es mir eigentlich ganz egal woher sie kommen - solange genügend kritische Masse im Hinblick auf Nachzucht vorhanden ist die eine sachliche Beurteilung überhaupt erst möglich machen. Womit wir wieder bei den vielen Autobahnkilometern wären die dafür notwendig sind um zur Fohlenschau X oder zur Championatssichtung Y zu kommen...

Die nächste einschneidende Erkenntnis war dann eigentlich das Verstehen um die absolute Notwendigkeit von Vollblut in der Warmblutzucht, ein latenter Mangel und ein grosses Problem das sich eigentlich wie ein roter Faden durch nahezu alle etablierten Zuchtgebiete zieht. Je mehr ich mich mit der Thematik "Vollblut" auseinander gesetzt habe - und gerade im Bezug auf Einsatz in der Warmblutzucht sind werthaltige Ergebnisse eben Mangels kritischer Masse einzelner Hengste oder gar Stutenlinien nur schwer zu finden - um so grösser wurde der Wunsch selber mit einer Vollblutstute zu züchten. So kam ich zu Ionia, meinem Igelchen. Das "Unternehmen" Ionia betrachte ich als grosse persönliche Herausforderung in jeder Hinsicht: finanziell, qualitativ und nachhaltig. Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren dass es sich hierbei nur um ein langfristig angelegtes und im Zweifel nicht notwendigerweise lukratives Unternehmen handelt - und doch ist es wohl der pure Idealismus der mich hier beherrscht.  
         
Und im Sinne der Pferdezucht und Reiterei hoffe ich nun ganz einfach dass mir dieser Idealismus noch lange erhalten bleibt.      

Sabine Brandt,
Münster,
im Juli 2005

 


Juli 2008:
Seit drei Jahren steht diese Seite nun im Netz, Zeit für ein Update also:
Pferdezucht und Reiterei - meine ganz persönliche Logistik:

Um mir ein derart ausschweifendes Hobby (um nicht zu sagen: Obsession...) überhaupt ermöglichen zu können bedarf es selbstverständlich eines Fulltime-Jobs. Nach Feierabend sitze ich dann meist hier in Münster im Sattel, neben meinen eigenen Reitpferd Silas gibt es desöfteren noch das ein oder andere Ausbildungspferd dazu, derzeit ist das die "Rübe", eine vierjährige Rotspontochter meiner Stutenfee Ingrid.
Da versteht es sich von selbst dass es meist nur die Wochenenden sind, die mir die Zeit und Musse lassen mich mit meinen Stuten und Jungpferden zu beschäftigen. Im Frühjahr allerdings, zur Fohlenzeit, verbringe ich wohl mehr Zeit bei den Stuten auf den Weiden als daheim - meist kann man das dann auch an Silas' Bauchumfang erkennen:
"Marshmallow" ist der Titel, den ihm meine häufige Sattelabstinenz in diesem Frühjahr einbrachte - weil er dann selber ebensoviel Zeit auf der Wiese verbringt wie ich - beklagt hat er sich darüber allerdings noch nie :-) 

Die Heimat der "Münsterland-Pferde" ist der Hof Altepost etwa 20 Kilometer nördlich von Münster gelegen. Hier weiss ich meine Stuten und Fohlen bei Stutenfee Ingrid allerbestens versorgt und aufgehoben und mit den Jahren ist der Hof Altepost für mich eine zweite Heimat geworden. 
Die erfolgreiche Kombination von Pferdezucht und regelmässigem Turniersport wie seinerzeit mit Shannon und Fabrice, noch dazu in allen drei Disziplinen (gerade Buschreiterei ist extrem zeitaufwändig) ist mir bislang noch nicht wieder gelungen - der Tag hat eben nur 24 Stunden...
Und wer drei oder vier aktive Zuchtstuten nicht auf Anhieb gleich bei der ersten Besamung "dicht" hat, der verbringt im Frühjahr reichlich Zeit und Kilometer als Samenkurier auf der Autobahn - und sitzt dafür dann abends schon Mal länger im Büro - weil Follikelreifen nunmal von unberechenbarer Natur sind und sich weder mit Turnier- und Trainingsterminen noch mit beruflichen Verpflichtungen so einfach unter einen Hut bringen lassen, geschweige denn dass sie sich halbwegs planbar darstellen lassen wollen...
Dennoch ist es mir ein sportliches Anliegen Silas auf Turnieren vorzustellen. Wir werden also sehen ob sich der Spagat zwischen Pferdezucht, Turniersport und Beruf in Zukunft nicht doch noch irgendwie bewerkstelligen lässt.       


zurück